Knaus Tabbert im Wohnmobil-Dieselskandal – Dokumente und Hintergründe

Der Wohnmobil-Dieselskandal beschäftigt seit Jahren zahlreiche Käufer von Reisemobilen auf Fiat-Ducato-Basis. Viele Betroffene sehen sich mit möglichen Wertverlusten, rechtlichen Unsicherheiten und umfangreichen Gerichtsverfahren konfrontiert.

In diesem Beitrag geht es um öffentlich bekannte Vorgänge, Dokumente und Schreiben aus den Jahren 2015 und 2016 sowie um die Frage, welche Rolle die Knaus Tabbert AG im Zusammenhang mit den Zulassungen von Wohnmobilen auf Fiat-Ducato-Basis spielte.

Sämtliche im Beitrag erwähnten Dokumente stellen wir den Lesern zum Download zur Verfügung.

Der Beginn des Dieselskandals

Im September 2015 gab die amerikanische Umweltbehörde Environmental Protection Agency (EPA) bekannt, dass bei Fahrzeugen der Volkswagen AG eine unzulässige Abschalteinrichtung in den Motoren ihrer Diesel-Fahrzeuge eingesetzt worden sei. Diese würde eine dauerhafte Einhaltung der geltenden Grenzwerte lediglich vortäuschen.

Der damalige Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt setzte daraufhin eine Untersuchungskommission unter Leitung von Staatssekretär Michael Odenwald ein. Unterstützt wurde diese durch Fachleute des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) sowie durch Dr.-Ing. Georg Wachtmeister als wissenschaftlicher Begleiter von der Technischen Universität München.

Bundesminister Dobrindt forderte das KBA auf, die Überprüfungen auch auf Diesel-Fahrzeugmodelle anderer deutscher sowie ausländischer Hersteller zu erweitern. Das KBA führt Abgasmessungen an diversen, auf dem deutschen Markt befindlichen Diesel-Kraftfahrzeugen durch und ergreift die folgenden Maßnahmen:

  1. Hersteller, die eine Typengenehmigung beim KBA beantragen, müssen mitteilen ob und warum eine Abschalteinrichtung verbaut ist und wie diese funktioniert.
  2. Die Hersteller müssen ihre Motorsteuersoftware offenlegen.

Das KBA entscheidet dann nach der Prüfung, ob es sich um eine unzulässige Abschalteinrichtung handelt. Typengenehmigungen werden zunächst nur unter Vorbehalt erteilt. Hersteller, die bereits eine Typengenehmigung erhalten haben, werden aufgefordert nachträglich eine Erklärung zu den oben aufgeführten Punkten abzugeben.

Hersteller von Wohnmobilen, wie die Knaus Tabbert AG, die beim KBA eine Mehrstufengenehmigung beantragen, müssen eine Erklärung des Herstellers des Basisfahrzeuges vorlegen.

Hinweise auf Abschalteinrichtungen

Im Rahmen der Untersuchungen wurden verschiedene technische Sachverhalte bekannt, die später Gegenstand zahlreicher Gerichtsverfahren wurden.

Herstellerin für Motorsteuersoftware und Lieferantin der Abschalteinrichtungen für einen Großteil der Dieselfahrzeuge der Autohersteller, so auch für Fiat Chrysler Automobiles (FCA), ist die Robert Bosch GmbH. Nach öffentlich bekannt gewordenen Informationen soll die Robert Bosch GmbH das Kraftfahrt-Bundesamt im April 2016 darüber informiert haben, dass die von ihr an Fiat (FCA) gelieferten Abschalteinrichtungen nach 22 Minuten die Abgasrückführung (AGR) sowie die Regeneration des NOx-Speicherkatalysators (NSK) abschaltet. Die NOx-Emissionen (Stickstoffoxide) steigen dann um den Faktor 4 bis 5.

Vor dem Hintergrund, dass damals in den Zulassungsverfahren eine Messdauer der Fahrzeugabgase von 20 Minuten vorgesehen war, konnten dadurch umweltbehördliche Abgasvorschriften ganz einfach umgangen werden.

Dieser Umstand spielte später in zahlreichen Verfahren rund um den Wohnmobil-Dieselskandal eine wichtige Rolle.

Die Rolle der Knaus Tabbert AG im Wohnmobil-Dieselskandal

Besondere Aufmerksamkeit verdient ein Schreiben der Knaus Tabbert AG vom 25. Mai 2016.

Nach Angaben in diesem Schreiben stand die bayerische Wohnmobilherstellerin Knaus Tabbert vor „akuten Problemen“. Besonders relevant: Sämtliche Reisemobile des Unternehmens wurden zu diesem Zeitpunkt auf Basis des Fiat Ducato aufgebaut. Da Reisemobile rund 60 Prozent des Gesamtumsatzes der Knaus Tabbert AG generieren, war das Kerngeschäft unmittelbar betroffen.

Dieses Schreiben wurde von den damaligen Geschäftsleitungsmitgliedern Werner Vaterl und Gerd Adamietzki unterzeichnet und an den damaligen CSU-Generalsekretär und späteren Bundesminister für Verkehr, Andreas Scheuer, übersandt.

Aus dem Schreiben wird ersichtlich, dass sich die Knaus Tabbert AG große Sorgen über mögliche Auswirkungen der laufenden Untersuchungen auf die Zulassung und Fertigung ihrer Wohnmobile machte.

Wenige Tage nach diesem Schreiben wandte sich Andreas Scheuer per E-Mail am 3. Juni 2016 an Staatssekretär Michael Odenwald, Leiter der Untersuchungskommission, und den amtierenden Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, um dieses „akute Problem“ für die Knaus Tabbert AG und damit auch allen deutschen Wohnmobil-Herstellern zu beseitigen. Tatsächlich wurde die Angelegenheit innerhalb 20 Tagen gelöst, indem mit dem KBA (Kraftfahrtbundesamt) vereinbart wurde, die Typengenehmigung für Hersteller von Wohnmobilen auf FIAT-Basis dennoch zu erteilen. Laut diesem Schreiben sollten deutsche Hersteller keine Nachteile durch die von FIAT verwendete Fahrzeugtechnik (unzulässige Abschalteinrichtung) haben.

Jeder Leser kann anhand der veröffentlichten Dokumente selbst beurteilen, welche Bedeutung den jeweiligen Schreiben zukommt. Die zeitliche Abfolge dieser Vorgänge wirft aus unserer Sicht Fragen auf und dürfte für viele Betroffene von Interesse sein.

Eine große Frage bleibt zum Schluss:
Wer trägt nun die Nachteile der unzulässige Abschalteinrichtung bei den FIAT Ducato Wohnmobil-Modellen?

Folgen für Wohnmobilkäufer

Für Käufer von Wohnmobilen auf Fiat-Ducato-Basis hat der Wohnmobil-Dieselskandal weitreichende Folgen. In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Gerichtsverfahren geführt. Dabei ging es unter anderem um Schadensersatzansprüche wegen möglicher unzulässiger Abschalteinrichtungen und daraus resultierender Wertverluste. Mehrere Gerichte haben sich bereits mit Ansprüchen von Wohnmobilkäufern gegen unterschiedliche Beteiligte der Liefer- und Vertriebskette beschäftigt.

Betroffene Fahrzeughalter sollten ihre individuelle Situation rechtlich prüfen lassen, insbesondere wenn mögliche Ansprüche von Verjährung betroffen sein könnten.

Fazit

Die veröffentlichten Dokumente zeigen, dass die Knaus Tabbert AG im Jahr 2016 aktiv versuchte, politische Entscheidungsträger auf die Auswirkungen der laufenden Diesel-Untersuchungen für die Wohnmobilbranche aufmerksam zu machen.

Welche Bedeutung diese Vorgänge im Einzelnen hatten und welche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind, kann jeder Leser anhand der verfügbaren Unterlagen selbst beurteilen.

Die Dokumente stellen in jedem Fall einen interessanten Baustein zur Aufarbeitung des Wohnmobil-Dieselskandals dar.

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